Warum eigentlich nicht

Am Donnerstagabend bin ich wieder in Hamburg angekommen. Sechs Tage war ich in Berlin, um auf dem dritten Podlove Podcaster Workshop Erkenntnisse, Eindrücke und Anregungen für meine Dissertation zu sammeln. Und um auf der re:publica14 eine von mir konzipierte Session zum Thema Nichtnutzung des Internet zu moderieren.

Das Thema geht mir schon seit der Internet Research 13.0 im Oktober 2012 immer wieder durch den Kopf – was bewegt Menschen, die dem Internet (freiwillig) fern bleiben, welche Nutzungsbarrieren gibt es? Wie können wir Nichtnutzung erforschen und warum gibt es dazu eigentlich so wenig dezidierte Forschungsprojekte? Als Anfang des Jahres der Call zur re:publica anstand, sah ich die Chance, ein paar Menschen zusammenzuführen, die sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit dem Thema auseinandersetzen.

Aber warum eigentlich auf der „Netzkonferenz“ zur Nichtnutzung des Netzes sprechen? Die re:publica verändert sich, sie versammelt heute nicht nur Netzaktivisten, Blogger und andere Produzenten von Netzinhalten, sondern auch vermehrt auch die ganze Palette gesellschaftlicher Bereiche, die von den Veränderungen durch netzbasierte Kommunikation berührt werden, also Politik, Bildung, Kultur, Wissenschaft usw. Man befindet sich nicht mehr nur im „Selbstgespräch“ – hier sollte nun auch Platz sein für die Frage danach, warum viele Jahre nach der Einführung des World Wide Web ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Bevölkerung noch immer keine Anbindung an das Netz gefunden hat. Denn letztlich geht es dabei auch um die Frage: Welche gesellschaftlichen Folgen hat die Nicht-Nutzung, z. B. im Kontext demokratischer Willens- und Meinungsbildungsprozesse? Und falls wir darin übereinstimmen, dass jeder das Netz nutzen (können) sollte: Was können wir für die Nicht-Nutzer/innen tun? D. h. die Ursachen der Nichtnutzung & digitaler Ungleichheit sind auch als ein Aufruf an die „Netzelite“ zu verstehen: „checkt mal eure Privilegien“. Es geht darum Barrieren zu identifizieren und Brücken zu bauen, statt Nichtnutzer als Ewig-Gestrige abzustempeln, die man getrost ignorieren oder gar zurück lassen kann.

Zunächst noch ein bisschen was zum Inhalt der Session: Wir kennen die großen, häufig zitierten Umfragen zur Netznutzung, z. B. den (N)Onliner Atlas oder die ARD/ZDF-Onlinestudie, die sich jedoch eher mit dem „digital divide“ auseinandersetzen, also der Frage danach, welche Gruppen konkret Zugang zum Netz haben bzw. wie sie das Netz verwenden, wenn sie denn Zugang haben. Hier wird Nichtnutzung oft auf Kriterien wie Einkommen, Bildung, Alter, Geschlecht oder Breitbandverfügbarkeit zurückgeführt. Diesbezüglich zeigen die aktuellen Ausgaben beider genannter Studien: Rund ein Viertel der jeweils Befragten nutzen das Internet nicht. Während etwa die ARD/ZDF-Onlinestudie eine hohe Altersschere zwischen On- und Offlinern identifziert, verweist der von der Initiative21 herausgebene, etwas obskure Digitalindex darauf, dass in Deutschland der Zugang zu und die Offenheit für digitale Medien bereits auf einem guten Niveau liege. Allerdings seien digitale Kompetenzen noch geringer und das Spektrum der Nutzung digitaler Medien noch eher eingeschränkt. Wenn es darüber hinaus konkret um die mannigfaltigen Ursachen für Nichtnutzung geht, ist die Forschungslage meiner Wahrnehmung nach recht dünn bzw. viele Studien sind bereits etwas älter. Hier sei z. B. ein Projekt von Nicole Zillien (2008, *.pdf) genannt, in dem sie fünf Hauptgründe für Nicht-Nutzung identifizierte: a) kein Interesse oder Bedarf, b) fehlende Kompetenzen, c) materielle Barrieren, d) Zweifel an der Zweckmäßigkeit, und e) grundsätzliche Ablehnung der Nutzung. Als „typische“ Nichtnutzertypen nennt sie Nicht-Angeschlossene, Internetvermeider und Internetaussteiger. Auch die ARD/ZDF-Onlinestudie nennt als wesentliche Gründe der „Offliner“ mangelnde Computer- und Internetkompetenz, die Scheu vor Anschaffungs- und Anschlusskosten, sowie die Ansicht, dass man über andere Medien genug informiert ist.

Der Begriff des „digital divide“ wurde aus vielerlei Gründen kritisiert, u. a. weil er übersehe, dass die Entwicklung des Einzelnen von Fähigkeiten im Umgang und nicht nur vom Netzanschluss abhängen. Es scheint heute also aufgrund gestiegener Nutzer/innenzahlen und differenzierter Angebote weniger hilfreich zwischen Off- und Onlinern, sondern eher von „digital inequality“, also „digitaler Ungleichheit“ (Buch von N. Zillien bei Google Books) bei vorhandenem Zugang zu sprechen. Diese beziehen sich z. B. auf die Ausstattung, Kompetenzen der Nutzerinnen oder auch Zwecke der Nutzung, d. h. also Unterschiede in sozialen und kulturellen Nutzungsweisen des Netzes. Beispielsweise spricht man vom so genannten „second Level digital divide“, wenn es um die Produktion von Inhalten im Netz geht. Hier lässt sich unterscheiden zwischen jenen, die Kompetenzen und das Wissen haben, um auf vielfältige Weise mit Netztechnologien umzugehen und z. B. aktiv Inhalte zu produzieren – und jenen, die Netzinhalte lediglich „passiv“ konsumieren. Dies hängt u. a. damit zusammen, wie oft man das Netz nutzt, um sich entsprechende Kompetenzen anzueignen, oder bestimmten kulturelle Faktoren, den sozio-ökonomischen Status (und z. B. damit verbundene Bildungsnachteile) usw. So zeigte eine Studie des DIVSI unlängst, dass sich Gründe für oder gegen Internetnutzung aus einer Gemengelage von den Einstellungen der Menschen, ihren Werten, Lebensweisen, Bildung und sozialer Zugehörigkeit ergeben. Die Forscher/innen identifizieren die Gruppe der „Internetfernen Verunsicherten“ (27% der Befragten, von denen 63% das Internet nie nutzen), die nicht nur bestimmte Einstellungen gegenüber dem Internet teilt, sondern auch bestimmte sozio-demographische Merkmale zu haben scheint (Altersschnitt: 62 Jahre; Frauenanteil: 62%; niedrige Formalbildung; niedrigste Einkommensgruppe; Berufe: einfache Angestellte, Facharbeiter – jetzt zumeist im Ruhestand). Digitale Ungleichheit kommt auch bei einzelnen Netzangeboten zum Tragen, z. B. zeigte die ARD/ZDF-Onlinestudie, dass 54% der Befragten kein Profil auf Social Communities haben (14% davon hatten bereits mal eines oder mehrere). Als Hauptgründe dafür wurden insbesondere in der Gruppe der 30 bis 49-jährigen genannt, dass man mit Freunden lieber auf anderem Wege kommuniziert (93%), dass diese Dienste einfach uninteressant sind (76%), oder dass sie als „Zeitfresser“ (75%) empfunden werden.

Bei der Nichtnutzung handelt es sich also um ein vielschichtiges, aufgrund der hohen Zahlen hochbrisantes Phänomen. Dabei kann uns aktuelle Forschung zu Ursachen und Formen „digitaler Ungleichheit“ – so mein Gedanke – helfen, die Zahlen der großen Studien besser einzuordnen. Und so suchte ich (über Twitter) nach Personen, die sich mit Nichtnutzung und ihren vielen Facetten auseinander setzen. Besetzt war zunächst meine Kollegin Wiebke Loosen, mit der ich am Hans-Bredow-Institut u. a. dazu forsche, warum Nutzer/innen verschiedener Medien die angebotenen Beteiligungsmöglichkeiten (z. B. Kommentarbereiche) nicht nutzen. Recht schnell stellte ich dann fest, dass sich auch drei Kolleginnen aus der Kommunikationswissenschaft mit diesem Thema in ihren Promotionsprojekten beschäftigen: Cindy Roitsch (Uni Bremen), die mittels qualitativer Interviews die Nichtnutzung jüngerer (16-30 Jahre) und älterer Menschen (ab 60 Jahre) untersucht. Ulrike Roth (Uni Münster) analysiert die Internetnutzung in heterosexuellen Paarbeziehungen und fragt, wie die Internetnutzung mit der Konstruktion von Geschlecht verknüpft ist. Und dann wäre da noch Juliane Kirchner (Uni Erfurt), die sich mit der bewussten Entscheidung zur Nichtnutzung bzw. Abwendung von onlinebasierten sozialen Netzwerken beschäftigt, und der Frage, inwiefern uns in einem zunehmend von Medien geprägten Alltag medienfreie Räume bzw. der Verzicht von Medien überhaupt möglich sind.

Und so ergab sich eine tolle Runde spannender Forscherinnen mit interessanten Perspektiven auf das Thema, die mich persönlich sehr glücklich und hoffnungsfroh macht! Hier gehts zum Mitschnitt (YouTube-Video) unserer Session „Into the Wild? Nicht mit mir!“ auf der re:publica14 (zu den Folien).

Ich möchte mich abschließend noch einmal herzlich beim Programm-Team der re:publica14 bedanken, dass sie uns die Möglichkeit gegeben haben, Nichtnutzung zum Thema zu machen. Mein größter Dank geht aber natürlich an Cindy, Juliane, Ulrike und Wiebke, die sich mutig (und ohne vorher je auf der Veranstaltung gewesen zu sein) in das Abenteuer re:publica gestürzt haben. Nach einigen Gesprächen mit Besucher/innen ist mir auch etwas klarer, was wir gut gemacht haben und was wir hätten besser machen können. Einige bemängelten den Vortragsstil, andere das Fehlen harter Fakten – letzteres liegt wohl darin begründet, dass vor allem qualitative Studien vorgestellt wurden, die z. T. noch „work in progress“ sind. Zum Vortragsstil ist zu sagen: Wir sind Wissenschaftlerinnen, und wer mit den üblichen Vorträge auf wissenschaftlichen Tagungen vertraut ist, wird den Mut der vier Damen (an)erkennen. Heißt: Bitte habt Nachsicht, wir üben noch, uns besser zu vermitteln :-)

Aus meiner Sicht bietet sich jetzt, im Anschluss an die re:publica, die Chance, verschiedene Forscher/innen zum Thema zu vernetzen. Interesse daran besteht nicht nur bei den Beteiligten, sondern auch bei einigen Besucher/innen der Session. Dazu könnte es beispielsweise in Zukunft einen Forschungsworkshop geben, der Forscher/innen aus verschiedenen Disziplinen zusammenführt – ich versuche auf jeden Fall, da dran zu bleiben. Es wird also weitergehen mit diesem Thema, das nun einmal gesetzt ist und hoffentlich weiter auf der Agenda bleibt. Denn, um mit einer Forderung aus dem tollen #rp14-Vortrag von Gesche Joost zu schließen, die ich 1000% unterschreibe: Forschung soll sich öffnen, einmischen und Teil jener sein, die die digitale Agenda mitgestalten!

So much for now.
Nele

P.S. Das Interesse am Thema war nicht nur während der re:publica14 recht groß (ungefähr 400-500 Zuhörer/innen kamen auf Stage5). Beispielsweise gab Juliane Kirchner dem Podcaster Rico Valtin ein Interview zu unserer Session, und ich durfte ein paar laienhafte Worte zum Thema in das Mikro von „Breitband“ stammeln (Sendung vom 10. Mai 2014).

UPDATE: Auch die „Berliner Zeitung“ berichtete unter dem Titel „Mehr als Nullen und Einsen“ live von unserer Session.

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